Tribal – eine Einführung in die unterschiedlichen Stilrichtungen

Belegt man Tribal-Workshops bei unterschiedlichen Dozentinnen, so gelangt man schnell zu der Erkenntnis, dass Tribal nicht unbedingt gleich Tribal ist. Gerade für Neulinge eine nicht selten verwirrende und ernüchternde Erfahrung, wird das Tribal-spezifische Bewegungsvokabular doch oft als universell angepriesen, und dass es Tänzerinnen aus unterschiedlichen Gruppen ermöglichen würde problemlos miteinander zu improvisieren.

Tatsächlich haben sich jedoch im Laufe der Jahre zahlreiche Variationen zu den Tanzbewegungen entwickelt, die zwar einerseits von bemerkenswerter und durchaus wünschenswerter Kreativität zeugen, die andererseits aber auch das gemeinsame Tribaln von einander fremden Tänzerinnen erschweren und es holprig werden lassen.

Insbesondere auch hierzulande haben sich so viele spezifische Variationen zum Grundvokabular entwickelt, dass man eigentlich schon von "deutschem Tribal" als eigenständigem Tribal-Stil sprechen könnte (international etabliert sich gerade der Begriff "Improvisational Tribal Style", ITS, für solche abweichenden Formate, aber auch Tribal Group Improv, TGI, oder Synchronized Group Improv, SGI, werden verwendet). Als typische Beispiele könnte man hier den Arabic mit Beckenwelle aufführen, gänzlich neu hinzugekommene Grundbewegungen wie den Hagalla, oder die Tendenz nahezu jede Tanzbewegung in Quarter Turns (also Vierteldrehungen) zu führen und dies den Mittänzerinnen durch einen Cue vorher anzukündigen. All diese Details kommen im amerikanischen Original nicht vor, sind hierzulande jedoch häufig anzutreffen.

Regulärer Tribal-Unterricht wird zwar zunehmend angeboten, jedoch noch längst nicht flächendeckend. Viele Interessierte sind daher darauf angewiesen, sich die nötigen Kenntnisse über Lern-DVDs und Wochenend-Workshops anzueigenen. Dabei stoßen sie jedoch schnell auf widersprüchliche Informationen, und müssen sich mitunter fragen, ob sie nicht das eine oder andere Mal ihr Geld verschwendet haben.

Hinzu kommt, dass Workshop-Anbieter nur selten spezifizieren, welchen Tribal-Stil sie unterrichten, und wenn sie es tun ist die Angabe leider nicht immer korrekt. Dort wo "nach FCBD" draufsteht ist leider nicht immer automatisch auch FCBD-ATS drin. Spätenstens wenn eine Schülerin eines solchen Workshops an einem von FCBD selbst unterrichteten WS teilnimmt ist ihr eine böse Überraschung sicher, weil sie dann feststellen muß, dass sie einen Großteil dessen, was sie bis dahin über Tribal zu wissen glaubte, beiseite schieben und bei Null wieder anfangen muß.

Mit zunehmender Stil-Vielfalt wird es daher für Tribal-Interessierte immer wichtiger, dass Workshop-Anbieter korrekt angeben, welchen Stil sie unterrichten, oder an welchem sie sich orientieren. Dies setzt natürlich voraus, dass eine Dozentin auch selbst weiß was sie tut.

Hier eine mögliche Richtlinie:

  • Die Bezeichnung ATS wird inzwischen exklusiv von FCBD beansprucht, und sollte daher besser ausschließlich denen vorbehalten werden, die entweder von FCBD zertifiziert sind, oder die sich im Stil von FCBD sehr gut auskennen, und sich genau daran halten. Das gilt für sämtliche unterrichteten Tanzbewegungen und ihre Cues.
  • Ähnliches gilt, wenn man sich auf BSBD (Black Sheep Bellydance) oder GC (Gypsy Caravan) berufen will, und angibt, einen dieser Stile zu unterrichten. Auch hier sollte man für den entsprechenden Stil zertifiziert sein, oder ihn zumindest sehr gut kennen (und sich der Unterschiede zu anderen Stilen bewusst sein). BSBD bezeichnen ihren Stil mittlerweile nicht mehr als "ATS", sondern als "SGI" (Synchronized Group Improv; GC bezeichnen ihren Tanz allgemein als "Tribal" und haben "ATS" nie selbst für sich beansprucht.
  • Verwendet man die Bezeichnung "nach FCBD" (bzw. BSBD / GC, usw.), so sollten die Tanzbewegungen und ihre Cues immer noch nach Möglichkeit so unterrichtet werden, wie sie von FCBD (BSBD / GC, …) auch tatsächlich ausgeführt werden, auch das Tanzvokabular sollte dem FCBDs (BSBD / GC, …) weitestgehend entsprechen. Man hat zwar kein Zertifikat und ist vielleicht nicht 100%ig firm, aber man bemüht sich, und man hat halt die eine oder andere Lieblingsbewegung aus anderer Quelle hinzugenommen. Diese Abweichungen vom in der Werbung angegebenen Stil sollten den Schülern jedoch unaufgefordert als solche aufgezeigt werden.
  • Bei einem deutlichen Anteil von Bewegungen aus anderer Quelle (z.B. Ghawazee, Tunisian) kann man die Workshop-Beschreibung durch einen Zusatz wie "mit Einflüssen von ..." (in diesem Falle Gypsy Caravan) ergänzen.
  • Werden die oben erwähnten Variationen (Arabic mit Beckenwelle, Hagalla, Quarter Turns mit Cue, etc.) und ähnliche deutliche Abweichungen vom amerikanischen Format unterrichtet, so wäre es für Suchende auf Dauer hilfreich, wenn sich eine Bezeichnung wie ITS, TGI oder "deutscher Tribal" hierfür etablieren würde. Zumindest sollte man auf das "nach..." dann eher den Namen der Gruppe folgen lassen, bei der man tatsächlich gelernt hat. Nur keine Scheu – ihr habt etwas Neues erschaffen, oder daran Teil, dann solltet Ihr Euch auch selbstbewusst dazu bekennen. Wer sich unbedingt auf FCBD oder CG beziehen möchte, kann dies immer noch mit dem Zusatz "von ... inspiriert" tun. Die Bezeichnung "nach ..." sollte besser nur im engen Rahmen verwendet werden (nämlich dann, wenn die Abweichungen nur klein sind), sonst ist die Grenze zur Irreführung schnell überschritten!

Hier als weitere Orientierungshilfe eine Auflistung typischer Merkmale der einzelnen amerikanischen Grundstile im improvisierenden Tribal:

FCBD

  • Tanz hat ein weiches, fließendes Erscheinungsbild
  • Es führt ausschließlich der rechte Fuß bei den Tanzschritten
  • in Formationen führt immer die Tänzerin links vorn (außer nach einem Fade oder im Kreis)
  • Tänzerinnen stets im "Perfromance Angle" (Präsentationswinkel) positioniert (Wechsel zu frontaler Positionierung ist ein Cue)
  • Ausschließlich optische Cues (verbale Cues werden strikt abgelehnt)
  • Drehungen werden als allmähliche Drehungen ausgeführt, Quarter Turns werden als "zu eckig" gemieden (außer beim Ghawazee Shimmy und Turkish Shimmy)
  • Keine separaten Cues, die Vierteldrehungen ankündigen (eine Vierteldrehung selbst kann ein Cue sein!)
  • scharfe Trennung zwischen schnellen und langsamen Tanzbewegungen
  • Musik im mittleren Tempobereich wird gemieden
  • langsame Tanzbewegungen werden immer unabhängig vom Takt der Musik ausgeführt
  • Bewegungsrepertoire mit deutlichen Anleihen beim Flamenco
  • zahlreiche dem Flamenco entlehnte Turns unter den langsamen Tanzbewegungen
  • nur wenige Bewegungskombinationen (Combos) im Repertoire, vorhandene Combos oft sehr flexibel gehandhabt
  • Zimbelspiel fester Bestandteil des Tanzes, grundsätzliche Zimbelbegleitung zu schnellen Tanzbewegungen
  • Schnelle Tanzbewegungen an bestimmte Zimbelrhythmen gekoppelt (überwiegend Galopp)

GC

  • Erscheinungsbild des Tanzes ist folkloristischer und erdiger als bei FCBD
  • "einseitige" (asymmetrische) Schritte (z.B. Hip Bumps, Arabic) werden sowohl mit rechts als auch mit links als führendem Fuß ausgeführt
  • Tänzerinnen oft auch frontal zum Publikum positioniert
  • Formationen können vorn links vorn Mitte oder vorn rechts geführt werden
  • Cues spielen eine eher untergeordnete Rolle
  • Drehungen gern auch als Quarter Turns (diese dann ohne Cue)
  • Trennung zwischen langsamen und schnellen Tanzbewegungen ist unscharf, einige Tanzbewegungen (wie Arabic) werden universell eingesetzt
  • Musik deckt das volle Spektrum von langsam über mid-tempo bis schnell ab
  • langsame Tanzbewegungen werden zum Takt der Musik ausgeführt
  • umfangreiches, sehr abwechslungsreiches Bewegungsrepertoire mit vielen Schrittkombinationen
  • nur wenige Turns unter den langsamen Tanzbewegungen
  • zahlreiche Bewegungskombinationen im Repertoire
  • Zimbelspiel nicht obligatorisch

BSBD

  • Erscheinungsbild des Tanzes ist lebhaft und abwechslungsreich
  • "einseitige" (asymmetrische) Schritte (z.B. Hip Bumps, Arabic) werden sowohl mit rechts als auch mit links als führendem Fuß ausgeführt
  • Positionierung der Tänzerinnen bei asymmetrischen Bewegungen meist im "Performance Angle", bei symmetrischen frontal zum Publikum
  • Formationen können vorn links vorn Mitte oder vorn rechts geführt werden;
  • Neben optischen auch zahlreiche verbale Cues
  • Drehungen teils als allmähliche Drehungen, teils als Quarter Turns (ohne spezifischen Cue dafür)
  • Meist scharfe Trennung zwischen langsamen und schnellen Tanzbewegungen, nur wenige Ausnahmen
  • Musik meist deutlich langsam oder schnell, teils aber auch mid-tempo
  • langsame Tanzbewegungen werden sowohl zum Takt der Musik als auch unabhängig davon ausgeführt (für manche Tanzbewegungen ist das eine oder andere festgelegt, für andere beides möglich)
  • umfangreiches, sehr abwechslungsreiches Bewegungsrepertoire mit zahlreichen Anleihen aus dem klassischen Orientalischen Tanz und anderen Tribal-Stilen
  • zahlreiche, z.T. sehr lange Bewegungskombinationen
  • zahlreiche Turns unter den langsamen Tanzbewegungen, die z.T. dem Flamenco entlehnt sind (FCBD-Ursprung), teils anderen Quellen
  • Zimbelspiel fester Bestandteil des Tanzes, grundsätzliche Zimbelbegleitung zu schnellen Tanzbewegungen
  • Schnelle Tanzbewegungen an bestimmte Zimbelrhythmen gekoppelt, verwendete Rhythmen dabei v.a. bei fortgeschrittenen Tanzbewegungen abwechslungsreich

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