Die Entwicklung der verschiedenen Tribal-Stile

Der American Tribal Style Bellydance (ATS), hierzulande oft auch als "Tribal Style Dance" bezeichnet, hat seine Wurzeln in der kalifornischen Bauchtanzszene der 1960er, bei der Showgruppe "Bal Anat". Bal Anat waren von Jamila Salimpour gegründet worden, um die Auftritte von Jamilas Tanzschülern auf der lokalen Renaissance Faire (halbwegs vergleichbar mit unseren Mittelaltermärkten) geordneter ablaufen zu lassen. Bal Anats Bühnenrepertoire bestand vor allem aus folkloristisch angehauchten Tänzen (keine originalgetreue Folklore), die jeweils von einer oder mehreren Tänzerinnen präsentiert wurden, während der Rest der Gruppe sich im Hintergrund im Halbrund aufstellte.
(Gut zu sehen in diesem Clip auf Youtube)

Die Schülerin Jamilas, Masha Archer, griff viele Elemente Bal Anats für sich auf, und baute sie in ihre eigene künstlerische Vision mit ein. Masha schwebte – inspiriert von feministischen Ideen - vor, aus dem orientalischen Tanz etwas zu machen, das Frauen nicht als "Sexobjekte" dastehen ließ, sondern das ihnen Stärke und Würde verlieh. Auch missfiel ihr das Konkurrenzdenken vieler Tänzerinnen, sie fand, dass die Frauen sich lieber gegenseitig unterstützen sollten.
Masha Archer modifizierte sowohl das Bewegungsrepertoire, das sie bei Jamila gelernt hatte, als auch die Kostüme, die nur so viel Haut wie unbedingt nötig zeigen sollten, um ihr Ideal der Präsentation starker Frauen zu verwirklichen. Die Kostüme im ATS gehen bis heute größtenteils auf Masha Archers Entwürfe zurück.

Carolena NerricioNachdem Masha Archer sich in den 1980ern aus dem Tanz wieder zurückgezogen hatte, um sich verstärkt anderen künstlerischen Projekten widmen zu können, übernahm ihre langjährige Schülerin Carolena Nericcio (Bild rechts) das Zepter und begann zu unterrichten, um, wie sie selbst sagte, "Leute zu haben, mit denen sie tanzen konnte". Sie gründete 1987 ihre eigene Tanzgruppe "Fat Chance Bellydance" (FCBD), mit der sie, auf Masha Archers Konzepte aufbauend, das Tanzrepertoire weiter aus- und umbaute. Carolena Nericcio gilt damit heute als die eigentliche Begründerin des American Tribal Style Bellydance im engeren Sinne.
ATS in seiner heutigen Form vereinigt in sich Einflüsse aus dem klassischen orientalischen Tanz ("Bauchtanz"), nordafrikanischen Folkloretänzen, Flamenco und indischem Tanz.

Da die Auftritte von Fat Chance Bellydance oftmals an Orten stattfanden, an denen die zur Verfügung stehende Tanzfläche vorab nur schwer einschätzbar war, wurde der Tanz der Gruppe zumeist improvisiert. Um die Aufführungen trotzdem nicht chaotisch und unkoordiniert aussehen zu lassen, erdachte sich Carolena Nericcio mit ihrer Gruppe die sogenannten "Cues" und feste Regeln und Tanzformationen, mit deren Hilfe sie sich beim gemeinsamen Tanzen untereinander abstimmen konnten, und die so eine gemeinsame synchrone Improvisation ermöglichten.
Die synchrone Gruppenimprovisation ist bis heute ein wichtiges Element dieses Tanzes, das ihn von allen anderen Tanzformen unterscheidet.

Im Laufe der Zeit entstanden zahlreiche verschiedene Tribal-Stilrichtungen, die sich im Bewegungsrepertoire und in den Richtlinien des Zusammenspiels mehr oder minder stark von FCBD unterscheiden. So gründete beispielsweise bereits 1991 das ehemalige FCBD-Mitglied Paulette Rees-Denis in Portland, Oregon, die Gruppe Gypsy Caravan (GC), deren Tanzstil durch Lehr-DVDs und internationale Lehrtätigkeit auf mehreren Kontinenten Verbreitung gefunden hat. Ihr Tanz unterscheidet sich von FCBD sowohl im Bewegungsrepertoire als auch in den Möglichkeiten der Bühnenausrichtung. Die Unterschiede sind z.T. so erheblich, dass eine gemeinsame Improvisation zwischen dem GC-Stil und dem FCBD-Stil nur noch mit deutlichen Einschränkungen möglich ist.

Ebenfalls international verbreitet ist der Stil von Black Sheep Bellydance (BSBD), begründet von der langjährigen FCBD-Schülerin Kajira Djoumahna (Autorin der "Tribal Bible" und Veranstalterin des "Tribal Fest"s, der größten Tribal-spezifischen Veranstaltung weltweit). Der BSBD-Stil unterscheidet sich vom FCBD-Stil zum einen in der exakten Ausführung verschiedener gemeinsamer Bewegungen, zum anderen auch in der Ausrichtung auf der Bühne. Zudem enthält er in seinem Repertoire zahlreiche Bewegungen, die bei FCBD nicht vorkommen.

Ursprünglich wurde die Bezeichnung ATS von den meisten Menschen als Oberbegriff für nahezu alle Formen des improvisierenden Tribals verstanden. Im Sommer 2007 entbrannte jedoch in der Nachlese des siebenten Tribal Fests in einem Forum auf tribe.net eine hitzige Debatte darüber, wie genau ATS zu definieren sei. Die Ansicht von FCBD-Mitgliedern, dass darunter nur der FCBD-Stil zu verstehen sei, stieß zunächst nicht wenige Diskussionsteilnehmer vor den Kopf, doch aus Respekt vor Carolena Nericcios künstlerischem Schaffen beugten sich viele ihrem Wunsch, diese Bezeichnung künftig ausschließlich dem FCBD-Format vorzubehalten, so dass diese Definition letztlich zum allgemeinen Konsens wurde. Als alternativ-Bezeichnung für andere Formen improvisierenden Tribals wurden z.B. Begriffe wie "Improvisational Tribal Style" (ITS) oder "Tribal Group Improvisation" (TGI) vorgeschlagen. eine neue allgemeingültige Bezeichnung hat sich bislang noch nicht durchgesetzt, am meisten Verbreitung scheint aber bisher ITS gefunden zu haben.

Black Sheep Bellydance erkämpften es sich zunächst, die Bezeichnung ATS unter dem Zusatz BSBD-Format beizubehalten, doch nach einem längeren Gespräch mit Carolena Nericcio im Herbst 2009 ist BSBD-Begründerin Kajira Djoumahna nunmehr von dieser Praxis abgerückt und bedient sich statt dessen der Bezeichnung SGI (Synchronized Group Improvisation). Gypsy Caravan bezeichneten sich selbst von Anfang an ganz allgemein als "Tribal Style", ohne je das Label "ATS" auf sich anzuwenden.

Seit November 2009 wird die Bezeichnung somit exklusiv von Fat Chance Bellydance beansprucht.

Andere ATS-Abkömmlinge gingen von vornherein gänzlich andere Wege:
Das ehemalige FCBD-Mitglied Jill-Parker hob beispielsweise 1996 die Tanztruppe Ultra Gypsy aus der Taufe, deren Bewegungsrepertoire zwar noch auf ATS basierte, die aber in ihren Aktivitäten eher in Richtung Tanztheater zielte. Sie gilt damit allgemein als Begründerin des "Tribal Fusion"-Stils.
Die international bekannte und einflussreiche Gruppe Urban Tribal wurde 1999 von Heather Stants (ehem. ATS-Schülerin von Read My Hips in Chicago) gegründet, und verarbeitet so starke Einflüsse des Modern Dance, dass die Tribal-Einflüsse mitunter kaum noch erkennbar sind.
Die von Amy Sigil gegründeten Unmata tanzen einen Stil, der zwar immer noch als Gruppe improvisiert, jedoch überwiegend mit Combos statt mit Einzelbewegungen arbeitet.

Ein weiteres prägendes Kapitel in der Geschichte des Tribals begann im Jahr 2003. Als nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center im September 2001 vielen Amerikanern alles Orientalische suspekt geworden war, beschloß der im Libanon aufgewachsene Musikproduzent Miles Copeland (The Police, Sting) dem entgegenzusteuern, und er castete 2002 eine Gruppe von Bauchtänzerinnen, die er im Sommer 2003 dort auftreten ließ, wo sonst niemand einen Hauch orientalischer Kultur erwarten würde: das amerikanische Lollapalooza-Festival, auf dem in erster Linie alternative Rockbands auftreten. Der Auftritt der Tänzerinnen sorgte so sehr für Furore, dass Copeland beschloß, ihre Aktivitäten auszuweiten, und mit den "Bellydance Superstars" eigene, weltweite Tourneen zu veranstalten.

Schon bei Lollapalooza mit von der Partie war Rachel Brice, ein ehemaliges Mitglied von Ultra Gypsy. Ihre vom klassischen orientalischen Tanz stark abweichenden Kostüme und ihre außerordentliche Beweglichkeit brachten ihr rasch beim Publikum eine ganz besondere Popularität ein. Miles Copeland vermarktete sie als "Tribal Bellydancer", da Rachels Stil jedoch nur noch wenig Ähnlichkeit mit dem ursprünglichen ATS aufwies, setzte sich unter Tänzerinnen bald die Bezeichnung "Tribal Fusion" durch.

Tribal Fusion bezeichnet im Grunde genommen eine Fusion aus Tribal und einem anderen Tanzstil. Im engeren Sinne wird jedoch heutzutage hauptsächlich der von Rachel Brice geprägte Tanzstil darunter verstanden, der in erster Linie von schlangenartigen Bewegungen und aus dem Hip-Hop entstammenden Elementen (Pops und Locks) geprägt ist und nur noch wenige ursprüngliche Tribal-Elemente enthält.

Nach Deutschland kamen die verschiedenen Tribalstile in mehreren Schüben ab der zweiten Hälfte der 1990er, und wurden von deutschen Bauchtänzerinnen zunächst teils mit Neugier, teils aber auch mit großer Skepsis betrachtet. Vielfach, sowohl von Skeptikern als auch von Befürwortern, wurde "Tribal" als wirrer, unkoordinierter Multi-Kulti-Mischmasch missverstanden. Ebenso wurden und werden die Unterschiede zwischen den verschiedenen amerikanischen Tribalströmungen vielfach bis heute nicht wahrgenommen.

Im Laufe der Jahre breitete sich das "Tribalfieber" immer schneller aus, und es wurden immer mehr Gruppen gegründet. Aus Ermangelung an verfügbaren qualifizierten Lehrerinnen behalfen sich viele Interessierte mit Lehrvideos (bzw. DVDs), gelegentlichen Workshops bei überregional unterrichtenden Dozentinnen, sowie selbst kreierten Tanzbewegungen, um das umständehalber sonst eher spärliche Repertoire zu erweitern. Als Resultat gibt es heute in der deutschen Tribalszene mitunter große Qualitätsunterschiede und eine sehr große Bandbreite an Variationen zu den einzelnen Tanzbewegungen und ihren Cues, die oft mit dem Original nur noch wenig Ähnlichkeit haben, und die z.T. auch völlig falschen Quellen zugeschrieben werden.

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